DIE ZEIT, Nr. 24/2001

 


 

Die Tories sind nicht tot

Sie stecken in der Krise. Trotzdem haben Großbritanniens Konservative eine Zukunft

Von Jürgen Krönig, London


Die britischen Konservativen bieten ein solch jammervolles Bild, dass sich selbst der
politische Gegner um ihre Zukunft sorgt. Noch vor dem Wahltag wünschte Roy Jenkins, der
große alte Mann der Liberalen, den Tories baldige Genesung. Ihr Zustand erinnert derzeit
an die schlimmste Phase von Labour in den frühen achtziger Jahren: Die Aktivisten wollen
von den hergebrachten Heilslehren nicht lassen. Im Fall der Konservativen heißt das: Sie
hängen noch immer am Thatcherismus. Man spricht zuvörderst zu sich selbst, erwärmt sich
an antieuropäischen, nationalistischen Tiraden. So etwas zieht allenfalls eine bizarre
Minderheit an, ein Sammelsurium aus sentimentalen Traditionalisten, poujadistischen
Kleinbürgern und verbitterten Farmern. Früher absorbierte und neutralisierte die Partei
diese Elemente, heute sieht es oftmals so aus, als gäben sie den Ton an. Das Land indes,
von dem die Konservativen sprechen, ist den meisten Briten unbekannt.


Der Wahlkampf offenbarte, dass die Partei, die es einst beinahe als ihr natürliches
Vorrecht betrachtete, Großbritannien zu regieren, nach wie vor keine Antwort auf New
Labours entschlossenen Ruck ins Zentrum gefunden hat. "Common Sense" lautet William
Hagues Rezept - doch gerade am gesunden Menschenverstand hapert es. Stattdessen bot
der junge Parteichef eine krude Mischung aus Populismus, Nationalismus und, trotz
alledem, widerwilliger Anpassung an New Labours Vorgaben: So akzeptieren die Tories
inzwischen eine unabhängige Bank von England, die Verfassungsreform und den gesetzlich
verankerten Mindestlohn. Nur eines hat Hague geschafft: Er hielt "Rockers" und "Mods"
zusammen, staatsverliebte Autoritäre und staatsverachtende Libertarians. Als Kitt bediente
er sich des Nein zum Euro, das viele in seiner Partei als grundsätzliche Absage an die
Europäische Union deuten. In vielsagendes Schweigen hingegen haben sich
proeuropäische Tories wie Kenneth Clarke, Michael Heseltine und Chris Patten gehüllt, sie
befürchten, ihre einstmals weltoffene, pragmatische Partei könne einen langsamen Tod
sterben.


Dabei kann Großbritannien auf die Tories nicht verzichten. Mehr noch - im chaotischen
Gerümpel dieser Partei lassen sich Versatzstücke entdecken, aus denen sehr wohl eine
attraktive Alternative zum Blairismus gezimmert werden könnte. New Labour ist mitnichten
die neue konservative Partei, auch wenn dies immer wieder, zuletzt vom Economist, unter
Verweis darauf behauptet wird, Blair habe Labour die Aversion gegen Markt,
Unternehmertum, flexiblen Arbeitsmarkt und solide Finanzen ausgetrieben. New Labour
wird sich in der zweiten Amtsperiode vielmehr als erneuerte Sozialdemokratie entpuppen,
beseelt von der Vision, die Menschen auf den Pfad der Tugend zu leiten. Arbeit, Fleiß und
soziale Verantwortung sollen, wenn nötig, mit verstärktem Einsatz von Zuckerbrot und
Peitsche durchgesetzt werden. New Labours gesellschaftspolitischer Interventionismus,
ergänzt noch um einen kräftigen Schuss Umverteilung, wird damit zwangsläufig an die
Grauzone von Freiheit und Zwang heranführen - ob es sich um nächtliche Ausgehverbote
für Kinder und Jugendliche handelt, ob man, um größerer juristischer Effizienz willen, in
vielen Prozessen auf Jurys verzichtet oder dem Staat das Recht einräumt, alle E-Mails zu
lesen. Die Parteien links der Mitte haben ja nie ein hoch entwickeltes Sensorium für die
Freiheitsrechte des Individuums besessen - Labour ist da beileibe keine Ausnahme. Das
Recht, sich auch gut gemeinten Ratschlägen, etwa bei der Arbeitssuche, zu entziehen,
dürfte unter New Labour weiter erodieren. Irgendwann aber werden den Briten die
puritanisch-autoritären Instinkte von New Labour auf die Nerven gehen. Lehrer und Ärzte
begehren bereits gegen den Kontrollfetischismus der Regierung auf.


Der sozialkonservativ-libertäre Tory-Flügel unter Michael Portillo, dem heißesten
Kandidaten auf die Hague-Nachfolge, drängt seit geraumer Zeit darauf, die Partei möge
sich als Anwalt von Liberalität und Freiheit profilieren. Portillo offenbarte nicht nur öffentlich
seine schwulen Kontakte aus Jugendzeiten, er warb auch mit einem Bekenntnis zu
Toleranz und multiethnischer Vielfalt. Sogar William Hague machte eine Zeit lang mit; er
tauchte im Karneval von Notting Hill auf, schickte Grußadressen an Schwulenkonferenzen
und setzte sich eine Baseballkappe aufs kahle Haupt.


Derlei lehrt die Blairites noch nicht das Fürchten. Aber angesichts der fulminanten
Modernisierung, mit der das Blair-Projekt die Inselnation in der zweiten Amtszeit beglücken
will, werden die Konservativen auf lange Sicht wieder Gewicht gewinnen. In der
Umweltpolitik beschämen sie heute schon New Labour; sie drängen auf Recycling,
Energie-Einsparung und versprechen, ökologische, nachhaltige Landwirtschaft gezielt zu
fördern. Tories haben ohnehin schon immer die Countryside besser verstanden als die
Labour-Politiker aus den urbanen Ballungsgebieten.


In der Diskussion über die Rolle des Staates können die Tories ebenfalls Eigenes bieten.
New Labour will zwar einen schlanken, doch hyperaktiven Staat, der einen wachsenden
Anteil des Bruttosozialproduktes beansprucht. Da kommen die Fragen der Konservativen
im rechten Augenblick: Weiß der Staat wirklich besser mit dem Geld umzugehen als der
Bürger? Und wo sollen ihm Grenzen gezogen werden?


Eines hatten die Konservativen der Linken stets voraus: Ihnen ist die Unzulänglichkeit
politischen Handelns bewusst. Das Streben nach Perfektion galt ihnen stets als
gefährliches Unterfangen. In der Vergangenheit führte diese Einsicht zu einer Politik, die
sich um eine Balance zwischen Wandel und Kontinuität mühte, zwischen Tradition und
Modernisierung. Angesichts des ungebrochenen Glaubens von New Labour an
technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt - Blairs "New Jerusalem" - wäre ein
Schuss Skepsis als politisches Gegengewicht notwendig. In den Thatcher-Jahren hatten sich
die Tories nach den Worten des Philosophen John Gray in "Maoisten von rechts"
verwandelt: ökonomische Reduktionisten, fixiert allein auf Wachstum und materielle
Werte. Mittlerweile überwiegen die Vorbehalte gegen den Fortschrittsglauben. Das
schimmert durch in der Wendung gegen genmodifizierte Nahrungsmittel und das Klonen
von Embryos zu medizinischen Zwecken.


Nun stehen die Tories an einem Wendepunkt. Entweder sie wählen einen "Civic
Conservatism", der die Aussöhnung von Markt und Zivilgesellschaft anstrebt, Tradition
respektiert und für das Recht des Individuums eintritt. Oder sie driften weiter nach rechts,
verwandeln sich in eine English National Party erboster Kleinbürger und engstirniger
Nationalisten. Letzteres würde wohl zur Spaltung führen.


Ob die Tories vom ideologischen Virus genesen werden, hängt entscheidend von den
Grassroots ab; die Basis der Aktivisten besitzt heute mehr Macht als je zuvor in der
wechselreichen Geschichte der Partei. Die Frage bleibt, ob sie genauso lange wie einst
Labour brauchen wird, um sich zu erneuern.


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