SZ, 6.6.1999


 

«Die SVP hat schnell und professionell agiert» 

Politologe Andreas Ladner über den Wahlkampf 99

VON BALZ SPÖRRI 

Einzig die SVP hat ihren Wahlkampf frühzeitig vorbereitet, meint Andreas Ladner. Der Politologe von der Uni Bern glaubt, dass es die anderen Pateien dagegen wegen des fehlenden Geldes immer schwerer haben werden. 

Herr Ladner, welche Faktoren beeinflussen das Wahlverhalten?

Andreas Ladner: Der wichtigste Punkt ist nach wie vor die allgemeine politische Orientierung. Man ist entweder links oder eher bürgerlich eingestellt. Innerhalb dieser Lager kommt es dann darauf an, wie sich eine Partei positioniert, wie sie in Form ist. Während auf der linken Seite die SP heute unangefochten dasteht, ist auf der rechten Seite mit den Erfolgen der SVP einiges in Bewegung geraten. 

Was bedeutet es für den Wahlkampf der SP, dass sie in ihrem Lager dominiert?

Ladner: Um ihren Wähleranteil zu vergrössern, muss sich die SP gegen die Mitte bewegen. Da sie in ihrem Lager kaum Konkurrenz hat, kann sie das problemlos tun. Allerdings hat sich die SP in letzter Zeit deutlich links positioniert und kann sich keinen programmatischen Slalomkurs leisten. Ihre Lösung heisst demzufolge, man gibt sich als die einzige Partei, die Blocher die Stirn bietet. So wird sie attraktiv bei jenen Bürgerlichen, die bei ihren Parteien eine deutlichere Abgrenzung gegen die SVP vermissen. Bei den Anhängern der SP kommt dieser Kurs sowieso gut an. Eine weitere Möglichkeit für die SP besteht darin, Leute anzusprechen, die sonst nicht wählen. 

Wird dies der SP gelingen?

Ladner: Das letzte Mal profilierte sie sich mit Köpfen. Der Wahlkampf wurde mit viel Schwung und Geschick bestritten. Das hatte einen Mobilisierungseffekt. Die Partei gewann so vermutlich auch Leute, die sonst nicht regelmässig wählen gehen. Fatal für die SP könnte es werden, wenn es ihr nicht mehr gelingt, diese Attraktivität zu vermitteln. Dann geben diese Leute ihre Stimme zwar nicht einer anderen Partei, aber sie gehen auch nicht wählen. Die SP hat also im Moment kein Abwanderungsproblem, sondern höchstens ein Mobilisierungsproblem. Ein Abwanderungsproblem haben zurzeit vor allem die FDP und die CVP 

Wie beurteilen Sie den Wahlkampf der anderen Bundesratsparteien?

Ladner: Es gibt nur eine Partei, von der man bis jetzt etwas gesehen hat, das ist die SVP. Bei den anderen warten wir noch. Die SVP hat schon letztes Jahr ihre Wahlplattform vorgestellt, seit Anfang Jahr sind ihre 99 Vorschläge auf dem Internet. Man muss dieser Partei zugestehen, dass sie professionell und frühzeitig eine gute Ausgangslage geschaffen hat, während die anderen Parteien nach wie vor daran arbeiten. 

FDP und die CVP diskutieren zurzeit, ob sie eine Initiative lancieren wollen. Bringt das etwas im Wahlkampf?

Ladner: Diese beiden Parteien haben kaum Erfahrung im Umgang mit Initiativen. Die CVP hat meines Wissens noch nie allein eine Initiative gestartet, und die FDP hatte mit ihrer ersten und einzigen, der Initiative «für ehe- und familiengerechtere Bundessteuern», grosse Mühe, die Unterschriften zusammenzubringen. Eine Initiative an und für sich hat aber verschiedene Funktionen: Man kommt damit in die Medien und kann sich positionieren. Das kann durchaus Sinn machen. Aber man muss absolut sicher sein, dass die Idee zumindest in der eigenen Partei durchkommt, bevor man damit an die Öffentlichkeit geht. Was bei den Grünen mit der Initiative zur Reduktion der Anzahl Kantone lief, war eher kontraproduktiv. 

Wie professionell führen die Schweizer Parteien ihren Wahlkampf?

Ladner: Es herrscht sicher nicht die gleiche Professionalität wie im Ausland. Dafür fehlen den Parteien schlichtweg die Ressourcen. Doch man arbeitet schon seit längerem mit quasi wissenschaftlichen Methoden. Anhand von Studien versucht man, die Potenziale zu analysieren und den Wahlkampf darauf auszurichten. Erschwerend wirkt sich aber aus, dass man in der Schweiz nur sehr bedingt einen zentralen Wahlkampf führen kann. Es gilt, auf kantonale Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen und bis zu 26 Wahlkämpfe zu führen. 

Wird das Geld immer entscheidender im Wahlkampf?

Ladner: Natürlich kann man mit Kreativität und Engagement viel erreichen, aber im Prinzip Ja. Denn einerseits ist das meiste, was die Parteien machen müssen, aufwendiger und teurer geworden, und andererseits verfügen sie insgesamt eher über weniger Geld als früher. In dieser angespannten Lage haben natürlich jene Parteien einen Vorteil, die einen guten und gesicherten Zugang zu Ressourcen haben, und es sind wiederum die Erfolgreichen, die mehr Geld erhalten. Ich würde heute auf jeden Fall lieber die Wahlkampfkasse der Zürcher SVP verwalten als diejenige von FDP und CVP. 

Woher kommt das Geld?

Ladner: Die Parteien finanzieren den Wahlkampf nicht aus ihrer Tageskasse. Ein grosser Teil des Geldes muss erst zusammengetragen werden, oder sie müssen sich sogar verschulden. Wir kennen zwei Modelle: Einerseits die SP, die alles zentral zu organisieren versucht. Sie hätte es gerne, wenn alle Kandidaten gewissermassen den gleichen Wahlkampf führen würden. Bei den bürgerlichen Parteien ist der Wahlkampf und dessen Finanzierung verstärkt Sache der einzelnen Kandidaten. Die SP hat also ein gewisses Gleichheits- oder Gerechtigkeitselement drin, während die Bürgerlichen das freie Unternehmertum der Kandidatinnen und Kandidaten fördern.